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Vom Schweineglück zu
Tafelfreuden
Esskultur ist Lebenskultur.
Im Weniger ist Mehr. Und: Was gut ist, darf auch teuer sein. "LandArt"
- eine kulinarische Vision.
WALTRAUD PROTHMANN
Seine ruhige Hand scheint das zum
Entrecote bestimmte Fleisch fast zu liebkosen. Sie verbirgt meisterhaft
die Unruhe, die in ihm steckt. Mit präzisen Bewegungen werden taufrische
Kräuter verhackt und geschickt in der blanken Kupferpfanne arrangiert
- duftendes Beiwerk zu einem kostbaren Bratenstück - schon jetzt
das Spiegelbild eines Kochkünstlers. Fleisch ist etwas ganz
Besonderes, kommentiert er, das saftige Stück nachdenklich
bestaunend. Wir befinden uns in Carlo Wolfs LandArt-Küche
im stilvoll renovierten Forsthaus der ehemaligen K. u. K.-Forstverwaltung
in Steinbach am Attersee - nach einer malerischen Exkursion durch seine
Länderei. Denn am anderen Ufer des Sees bewirtschaftet er auf 45
Hektar Land das vom leuchtenden Farbteppichwilder Feldblumen umgebene
Holzberggut.
Hier, am idyllischen Egelsee wohnt in offenen Hütten,
im Wald und an den Weiden, mit großflächigen Suhlen und eigenem
Süßkartoffel-Feld, ein überaus privilegiertes Schwein.
Hier gedeihen Atter-Ochs, Holzberg-Ente, Ziegen,
Schafe und eine Schar freilaufender Hühner. Vorhin, während
wir vor dem unerwarteten Platzregen im Dickicht des Nadelwaldes Schutz
suchten, verkürzte uns die ausgelassene Kinderschar der Egelseer
Waldschweine höchst vergnüglich die Zeit: Wo sonst gibt
es so viel Land, nur dazu bestimmt, dass Schweine sich gründlich
im Dreck suhlen können? Einen Bauern, der das Einsehen hat, dass
seine gute Sau den lieben langen Tag schnüffeln und graben, sich
wälzen und renne möchte, weil eine Schweineherz solches nun
mal begehrt?
Für Carlo Wolf ist das selbstverständlich: Den größten
Einfluß auf die Kochkunst kann ich über das perfekte Produkt
nehmen, erklärt er schlicht. Ein Schwein schmeckt nun
mal so, wie es gelebt hat.
LandArt-Schweine wachsen, wie der berühmte Atterochse, natürlich
und langsam auf. Auf seinem Hof leben Nutztiere nicht nur
gut, sondern auch dreimal so lang. Sie kriegen weder Eiweiß- noch
Silofutter vorgesetzt. Kräutrige Wiesen, Topfen, Magermilch, Roggen
und Gerste schmecken ihnen besser, fördern den intramuskulären
Fettaufbau und bringen Saft und Aroma ins Fleisch. Massentierhaltung
ist das Grauslichste, was es gibt, sagt Carlo Wolf, der jederzeit
bereit ist, wirtschaftliche Aspekte zu Gunsten der Qualität außer
Acht zu lassen. Wer je dem Rumtollen der quicklebendigen Egelseer Schweine-Mannschaft
zugeschaut hat, weiß, warum ihm solch ein Stück Speck auf der
Zunge zergeht. Er wird jede Scheibe mit Andacht genießen und mit
der Delikatesse vielleicht eine zusätzliche Portion Lebenslust zu
sich nehmen. Jedes Stück Wiese ist hier ein kleines Öko-Paradies,
aus dem schon von weitem Sauerampfer und Königskerze, wildes Geißblatt,
Glockenblume, Eisenkraut und Margarite leuchten. Nur mit solch exquisitem
Futter lassen sich feinstes Fleisch und ein hocharomatischer Geschmack
erzielen. Plastikballen und andere Gras-Silagen
sind für den Gründer des Rungis-Express und ehemaligen
Belieferer aller wichtiger Gourmet-Restaurants in Mitteleuropa tabu.
Carlo Wolf, einst Meisterkoch im Negresco in Nizza, später
Inhaber des Restaurants Chez Loup in Bonn, tut alles was er
macht, ganz. Heute ist er mit Leib und Seele Land- und Gastwirt, Gutsherr,
Weinhändler, Galerist und - immer noch und immer wieder - Meisterkoch.
Ein harter Arbeiter, Perfektionist und leidenschaftlicher Feinschmecker,
der nicht aufhören kann, neue Herausforderungen zu suchen. Mit seinem
Projekt LandArt will er einen Traum verwirklichen: inmitten
einer von mächtigen Felswänden schroff begrenzten, aber vom
Spiegel des Attersees verheißungsvoll schimmernden Landschaft, möchte
er sich und auch den Skeptikern zeigen, daß man selbst heute noch
mit der Natur vom Land leben kann. Voller Lebensfreude und Genuss, als
Mensch - aber auch als Tier.
Er ist von der Idee besessen, nur das Allerbeste zu produzieren - ohne
Chemie, Betonspaltböden, Pestizide oder Hormone, weil er weiß,
daß Tierquälerei und Qualität einander ausschließen.
Wenn ich gut drauf bin, kann ich jeden um die Ohren und in Grund
und Boden kochen. Jeden, egal wie er heißt, sagt Carlo Wolf.
Und während seine köstliche, feinsamtige Landleberwurst auf
der Zunge dahinschmilzt, findet man das gar nicht überheblich. Aber
die Kontinuität, fügt er seufzend hinzu, das ist etwas
ganz anderes! Eine wirkliche Steigerung bringt nur das Produkt.
Gewinnorientierte Agrarbetriebe tun ihn, das ist ihm klar, als Spinner
ab. Als philosophierender Schöngeist, der sein weitläufiges
Anwesen auch mal für Installationen der modernen Kunst und für
Konzerte öffnet, passt er nicht ins Klischee der EU-Landwirte. Einer,
der vom Leben geliebt wird, weil er es selber liebt? Dem der Erfolg zufliegt?
Wie soll sich der Aufwand rechnen? Noch, gibt er zu, sei sein Projekt
nicht besonders erfolgreich. Er habe wenige, sehr gute Kunden, aber geschulter
Geschmack sei eben selten. Dafür habe er selbst einen langen Atem
und due Zuversicht, dass sich etwas verändern werde.
Das Bewusstsein, wie köstlich und kostbar ein gutes Stück Fleisch
sei, wurde mit der Massenproduktion zerstört. Es werde zu viel Fleisch
gegessen. Deshalb sei die Tierhaltung ein Horror und die Qualität
miserabel. Warum müssen wertvolle Lebensmittel so billig sein, wie
vor 40 Jahren? Die Geringschätzung der Tiere und die Orientierung
am Profit führten zu einer ungesunden Lebensweise. Mit den darauf
folgenden Erkrankungen kam die Angst vor dem Fett. Angst vor Fett sei
Angst vor Geschmack. Leider förderte das bisher nicht die Einsicht,
sondern bloß die Produktion von schnell wachsendem Hormonfleisch:
Mager, geschmacklos, prall und aufgeschwemmt wird es in Unmengen auf den
Billigmarkt geworfen. Der Ochse sinniert Carlo, auf dessen
Hof das prachtvolle Vieh in mindestens drei Jahren langsam und ruhig heranwächst,
war von alters her das edelste Stück Rind. Auf den großen
Festtafeln früherer Zeiten wurde nicht etwa Stier- oder Kuhfleisch
serviert. Und schaut man sich die Speisekarten der Spitzengastronomie
an, fällt auf, dass Schweinefleisch fehlt. LandArt hat es wieder
zu einem Edelprodukt gemacht. Und schon trägt er den Beweis
in Form eines hinreißend saftig-knusprigen Koteletts auf; mit Knoblauchblüten
und frischen Salbeizweigen gewürzt, langsam und ohne Fett gebraten.
Zum eben gepflückten Rucola-Salat aus eigenem Kräutergarten
verwendet er die klassische LandArt-Marinade mit allerfeinsten Zutaten,
die man perfekter nicht mischen könnte.
Carlo Wolf leistet sich den Luxus, seinen Atterochsen wie
vor 100 Jahren zu halten, aus Überzeugung. Wenn das Tier nach einem
schönen Leben schließlich geschlachtet wird, erfolgt auch das
mit aller Umsicht: jeder Ochse wird einzeln, von einer vertrauten Person
begleitet, auf kürzestem Weg zum Schlachthof gebracht. Erst wenn
der normale Schlachtbetrieb beendet ist, wird er zügig und stressfrei
geschlachtet.
Es gibt ein Leben vor dem Tod. Das sollen auch Tiere in Fülle haben.
Die Küken der Holzberg-Ente werden warm gehalten, ehe
sie, widerstandsfähig genug, fröhlich schnatternd durchs frische
Gras watscheln. Ziegen und Lämmer genießen die Milch ihrer
Muttertiere und der stattliche Ochse betrachtet allfällige Besucher
so freundlich-satt wie seine Weide. Natürlich macht das die LandArt-Produkte
verhältnismäßig teuer. Es ist wie beim Wein,
meint Carlo Wolf. Warum kostet eine Flasche Chateau Petrus
7000 S? Weil alles gemacht wird, ws man sich nur vorstellen kann, egal
was es kostet. Jede Beere wird von Hand verlesen. Nur wer sich von wirtschaftlichen
Zwängen freimacht, kann wunderbare, hervorragende Produkte erzeugen.
Und so entspringt sein Motiv, ein Tierparadies zu schaffen, nicht etwa
dem mitleidigen Herzen, sondern der unwiderstehlichen Leidenschaft, fantastisch
zu kochen, zu essen und zu bewirten. Liegt darin ein Widerspruch? Nicht
für Wilhelm Busch, wenn er dichtet: Wer einen guten Braten
kochen kann, hat auch ein gutes Herz.
Dieser Leidenschaft ist nichts Lebendiges zu gering und keine Nebensache
unwichtig: Das fängt beim Misthaufen an, auf dem sich oben in zartem
Pastell Zucchiniblüten ranken, während tief drinnen Würmer
balgen, die von Carlos prachtvollen Legehennen lustvoll aufgepickt werden.
Und sie endet beim purpur leuchtenden Glas Sassicaia 1989, dem Lieblingswein
Claudio Abbados, der den Traum des Meisterkochs vom Entrecote vollendet.
22.Juli 2000
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