Bangen Statt Essen?
BSE ist kein Schicksal,
sondern eine Frage zweier Alternativen: Gleichgültigkeit oder Mündigkeit
Es wird viel von dem Recht der
Konsumentinnen und Konsumenten
gesprochen in letzter Zeit. Vom
Recht, auf unbedenkliche Lebensmittel im Allgemeinen, auf Rindfleisch
im Besonderen. Gemeint ist damit wohl auch das Recht, sich bedenkenlos
die vorpaketierte, auf jeden Fall aber mehr oder weniger anonyme Ware
reinzuschieben, und sich gewiss sein zu können, zumindest nicht an
BSE, sondern nur an Herzinfarkt, Diabetes oder anderen Stoffwechselerkrankungen
zu sterben. Das klingt jetzt natürlich
ein bisschen fürchterlich, aber: BSE und andere, noch nicht entdeckte
Resultate der industriellen Massentierhaltung haben wir uns selbst eingebrockt.
Und zwar durch den Verzicht darauf, wissen zu wollen, was wir uns täglich
einverleiben, im Gegenzug dafür, dass es dafür umso mehr und
umso billiger ist. Von einer Entfremdung der Menschen zu ihrer Nahrung
könnte man sprechen, und da wird BSE nicht die letzte Folge davon
sein. Nur zwei Prozent allen in Österreich
produzierten Rindfleisches wird unter den Bedingungen der biologischen
Landwirtschaft produziert, das entspricht der generellen Bio-Quote im
heimischen Lebensmittelhandel (nur bei Milch erreichen Bio-Produkte einen
Anteil von zehn Prozent). Und das verblüffende dabei: Sogar nur 60
Prozent des Bio-Rindfleisches werden als solches auch vermarktet, die
Gründe dafür sind mannigfaltig, unter anderem ist das Misstrauen
der Konsumenten, dass Bio-Fleisch genauso gut schmecken kann wie nicht-biologisches,
dafür der Grund. Wobei das mit dem gut schmecken
ohnehin nicht der springende Punkt sein dürfte, denn diesbezüglich
hat gerade das Fleisch aus industrieller Massentierhaltung sehr wenig
zu bieten: Aus ökonomischen Gründen wird versucht, Rinder in
möglichst kurzer Zeit zum Schlachtgewicht von ca. 600 kg zu bringen,
zum Beispiel mit Hilfe von "Kraftfutter"; Weiden auf der grünen
Wiese findet für derlei Tiere nicht mehr statt, da viel zu aufwendig,
geschlachtet wird nach spätestens eineinhalb Jahren im Schnellverfahren:
80 bis 120 Rinder pro Stunde, mit Bolzen in den Kopf und sofortiger Hirnverquirlung,
damit mit der Zerlegung gleich weitergemacht werden kann. Dass das Fleisch
derartig behandelter Tiere nach nichts schmeckt, war bisher eine vergleichsweise
harmlose Rache. Es geht auch anders, aber das kostet
halt. Alois Allinger von der Gourmet-Manufaktur "Landart" am
Attersee etwa lässt seine ungefähr hundert Ochsen drei Jahre
auf der Weide stehen, währenddessen sie kein Geld bringen, sondern
nur gemächlich an Gewicht und Geschmack zulegen. Ochsen deshalb,
weil sie fetter werden, was sich auf die Fleischqualität positiv
auswirkt, und nur Tiere der alten, schottischen Fleischrasse Galloway,
weil die Tiere langsamer wachsen als Turbo-Fleischrassen (gut für
die Fleischstruktur ) und außerdem robuster sind. Geschlachtet wird
einzeln, immer im Beisein einer Vertrauensperson, nach dem regulären
Schlachtbetrieb und unter Vermeidung von jeglichem Stress. Dass das Fleisch
dann auch noch entsprechend abgehangen wird, liegt auf der Hand. Zur Zeit
liegen die Preise seiner "Atterochsen" etwa ein Viertel über
qualitativ hochwertigem Rindfleisch, "um in die Gewinnzone zu kommen,
müsste ich aber noch 40 bis 60 Prozent aufschlagen". Ist die
Frage, ob's einem das wert ist, um den Absatz seiner Produktion muss er
sich im Gegensatz zum Gesamt-Markt zur Zeit jedenfalls keine Sorgen machen.
Angesichts eines durchschnittlichen
Fleisch-Verbrauchs pro Kopf
und Jahr von knapp hundert Kilo
ist man jedoch geneigt, zu glauben, dass Massentierhaltung und Blitz-Mast
mittlerweile eine unabdingbare Notwendigkeit geworden sind. Und Krisen
wie die derzeitige geraten auch relativ schnell wieder in Vergessenheit,
gibt Alexandra Pohl von der ARGE Bio-Landbau zu bedenken. "Es wäre
sicher möglich", vermutet sie, die Rinderzucht in Österreich
zumindest mittelfristig auf biologische und Qualitäts-orientierte
Richtlinien umzuwandeln. Natürlich immer vorausgesetzt, die Konsumenten
wollten das und wären bereit, für weniger Fleisch mit besserer
Qualität mehr zu bezahlen, vorausgesetzt auch, die Handelsketten
spielten mit, und vorausgesetzt auch, dass die Bio-Bauern etwas flexibler
werden, als sie bisher sind, "da müsste man das ganze System
umstellen". Allinger ist sogar davon überzeugt, dass bei stärkerer
Förderung heimischer Weidewirtschaft, Auflassung der geförderten
Brache und unter der Bedingung, dass genügend gesunde Kälber
zur Verfügung stünden, in zweieinhalb Jahren Top-Qualität
eine Sache von äußerst breiter Basis sein könnte. Was also tun? Sich das Gulasch aus
Argentinien übers Meer schicken lassen? Vegetarier werden? Den offiziellen
Kontrollen vertrauen? Sicher alles mehr oder weniger gangbare Wege, man
könnte aber einfach auch nach garantierter Qualität verlangen,
beim Fleischhauer und im Restaurant, mündig werden, Verantwortung
für das übernehmen, womit man sich ernährt. Der Markt gibt
einem nur das, wonach verlangt wird. Florian Holzer []
© DER STANDARD, 15. Dezember 2000
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